Zu Tode gespart

Themensammlung "Pflegenotstand"

Re: Zu Tode gespart

Beitragvon Uel » Fr 30. Jul 2021, 13:38

Lange Rede, kurzer Sinn: Der gesamte Medizin- und Pflegebetrieb ist mit den Mechanismen der freien Marktwirtschaft absolut inkompatibel und gehört komplett vergesellschaftet.


Was mich immer wieder erstaunt, ist die Naivität bzw. Dummheit der Menschheit, wenn es um das sie doch täglich betreffende Wirtschaftssystem geht. Die immer wieder hochgelobte zerstörerische Kreativität des marktwirtschaftlichen Systems ist ein Flopp, wenn die Kreativität sich als Popanz erweist und der wahre Beweggrund das Wegräumen der Konkurrenten durch Größenwachstun allein wegen Gewinnmaximierung ist. Dabei sind die wirtschaftlich Handelnden nicht das Problem, denn sie stecken in den "Monopoly-Sachzwängen", sondern die erlaubenden oder schweigenden Politiker, die an sich die stets zu verbessernden und ständig anzupassenden Marktregel zu bestimmen hätten. Die meisten Politiker sind sich, so behaupte ich mal frech, überhaupt nicht dieser ihrer Hauptaufgabe und Daseinsberechtigung bewusst.

Komplette Vergesellschaftungen wird seine eigenen systemtypischen Abartigkeiten produzieren. Wieso die Menschen so liebend gern auf Steuern und Gestalten verzichten und sich System-Automatismen unterwerfen, sei es der Heilsbringer Marktautomatismus oder die Planbarkeits-Utopie der "kompletten Vergesellschaftung" ist mir unerklärlich.

Die Natur ist der Weltmeister des "Sowohl-Als-Auch", warum wir Menschen uns anmaßen, unser Zusammenleben allein durch das Entweder-Oder besser meinen lösen zu können, ist die Superfrage an Politik, Journaille und Wissenschaft.
Liebe Grüße
von Uel


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Re: Zu Tode gespart

Beitragvon AlexRE » Fr 30. Jul 2021, 20:51

Uel hat geschrieben:Die Natur ist der Weltmeister des "Sowohl-Als-Auch", warum wir Menschen uns anmaßen, unser Zusammenleben allein durch das Entweder-Oder besser meinen lösen zu können, ist die Superfrage an Politik, Journaille und Wissenschaft.


Das ist zu allgemein gehalten, es gibt ganz konkrete Gründe dafür, dass das Gesundheitswesen nicht mit den Mechanismen der Marktwirtschaft zusammenpasst. Kranke sind keine Kunden, die angesichts von Wucherpreisen "nein" sagen können, es gibt also keine Nachfrageelastizität und damit keinerlei marktwirtschaftliche Preisbildungsmechanismen. Mit der Markttransparenz ist es auch nicht weit her.

Die "schöpferische Zerstörung" in der Marktwirtschaft dient auch nicht nur der Marktmachtverdichtung, das ist nur eine unerwünschte Nebenwirkung. Wirklich wichtig ist, dass die verantwortlichen Akteure anders als in planwirtschaftlichen Systemen ihre Fehler nicht endlos wiederholen können, weil sie für die Folgen selbst aufkommen müssen und sie nicht erst auf die Allgemeinheit abwälzen und dann leugnen können. Der Zusammenfall von Handlungsmacht und Verantwortung ist die eigentliche Stärke der freien Marktwirtschaft, dadurch müssen unbelehrbare Stümper ihre Marktanteile frühzeitig an Leute abgeben, die lernfähig sind und es besser machen.
Der Stuttgarter OB Rommel:

Ich trete überall, wo das notwendig ist, der Meinung entgegen, der Umstand, dass die Diktatur zu allem fähig war, berechtige dazu, die Demokratie zu allem unfähig zu machen.
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Re: Zu Tode gespart

Beitragvon Uel » Sa 31. Jul 2021, 00:37

Ich bin der Ansicht, dass es im Gesundheitssystem Bereiche gibt, die nicht privatwirtschaftlich organisiert werden können und es Bereiche gibt, die privatwirtschaftlich organisiert werden müssen, wenn nicht schlechte Gewohnheiten sich zu Gewohnheitsrechten verfestigen sollen.
Liebe Grüße
von Uel


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Re: Zu Tode gespart

Beitragvon AlexRE » Sa 31. Jul 2021, 03:21

Uel hat geschrieben:Ich bin der Ansicht, dass es im Gesundheitssystem Bereiche gibt, die nicht privatwirtschaftlich organisiert werden können und es Bereiche gibt, die privatwirtschaftlich organisiert werden müssen, wenn nicht schlechte Gewohnheiten sich zu Gewohnheitsrechten verfestigen sollen.


In einer Demokratie kann man auch innerhalb eines öffentlich - rechtlichen Systems punktuell diskutieren, wie schlechten Angewohnheiten entgegengewirkt werden könnte. Ich hatte hier ja schon angedeutet, dass man die Patienten und die ehrlichen Ärzte besser vor Abrechnungsbetrügern schützen könnte. Ich möchte auch keinesfalls, dass Bürokraten in das Verhältnis Arzt - Patient funken können.

Worum es mir geht, ist der Schutz des Gesundheitswesens vor den ökonomischen Sachzwängen des Wettbewerbs der Profitmaximierer. Die können in einem Wirtschaftsbereich, wo die zentralen Mechanismen der Marktwirtschaft nicht greifen (siehe oben Preisbildung unter der Voraussetzung von Nachfrageelastizität und Markttransparenz), nur Schaden anrichten.

Reine Profitmaximierung führt u. a. dazu, dass in privatisierten Krankenhäusern und Pflegeheimen stets an der Grenze der Legalität auf Kosten von Patienten und Beschäftigten gewirtschaftet wird, dass die Pharmaindustrie lieber Geld in die Pseudoverbesserung von Massenprodukten investiert, um Pseudopatente zu erlangen, oder in lukrative Beruhigungsmittel etc., als Geld in Medikamente gegen seltenere tödliche Krankheiten zu stecken, dass Landarztpraxen nicht besetzt werden können usw. usf..

Die Herrschaft des Geldes kann sich da einfach nicht konstruktiv auswirken.
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Re: Zu Tode gespart

Beitragvon icke » Mo 23. Aug 2021, 18:27

Wenn der Regelbetrieb schon auf Kante genäht ist, kommt das einem Dauer-Notstand gleich. Aber wehe man möchte für eine Entlastung streiken, dann wird der hausgemachte Notstand zur arbeitsrechtlichen Waffe des Arbeitgebers.


Zweifel an Notfallversorgung: Gericht untersagt Streik bei Berliner Vivantes-Kliniken
Nach wenigen Stunden ist ein Streik bei Berlins landeseigenen Kliniken teilweise gestoppt worden. Das Arbeitsgericht hielt die Patientenversorgung der Vivantes-Kliniken in Notfällen nicht für gesichert.


https://www.spiegel.de/wirtschaft/sozia ... 7d14655542?
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